Seit fast zwei Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr. Es war keine Grundsatzentscheidung, sondern es ist einfach passiert als ich angefangen habe, täglich Yoga zu machen. Erst ließ ich ein dreiviertel Glas stehen, dann ein halbes und zum Schluss hatte ich überhaupt kein Verlangen. Wenn ich dann irgendwo auf Feierlichkeiten eingeladen war, nippte ich an einem Sektglas und fühlte mich sofort Unwohl, so als würde sich alles umgehend drehen und ich hoffte einfach nur, dass dieses Gefühl bald aufhören würde. Zwischendurch beneidete ich andere Yogis, die es schafften in zwei Welten zu leben. Die ab und zu etwas tranken (oder auch mal mehr) und dann aber trotzdem in der Yogawelt zu Hause waren. Doch aufgrund meiner Erfahrungen, dachte ich, dass es bei mir nicht so ist.
Als vor einer Woche der Tod des Freundes bekannt wurde, machten mein Mann und ich einen Gedenkabend für ihn. Da er ein großer Genussmensch war und wir früher viele heitere Abende mit ihm verbrachten, holten wir ein Foto heraus (in typischer Feierlaune), aßen besonderen Käse mit Weintrauben und tranken einen guten Tropfen Rotwein. Ich dachte mir, egal, wie Unwohl ich mich fühlen werde, das passt einfach an seinem Todestag. Zu meinem großen Erstaunen ging es mir nicht schlecht. Ich trank innerhalb von einer Stunde ein halbes Glas, fühlte mich leicht beschwippst und wir tauschten Erinnerungen aus. Es war angenehm und auch am nächsten Tag hatte ich keine Probleme.
Heute hatte ich einen großen Frustmoment. Ich dachte daran, wie schrecklich es sein wird, wenn mein Mann ab Dezember erst Freitagabend spät von der neuen Arbeit aus Hannover nach Eichenau kommt und am Sonntagnachmittag wieder los muss. Und das alles, wo wir uns schon seit einem Jahr nur von Donnerstag- bis Sonntagabend sehen, weil er in Wien arbeitet. Auch wenn ich weiß, dass wir ja irgendwann wieder ein "normales" Familienleben im Norden führen werden, ist da erst einmal dieser steiler Berg, den es zu erklimmen gilt. Dann haben wir mittlerweile ein viel versprechendes Haus gefunden, das ich mir nächstes Wochenende ansehen möchte und nun kam der Anruf, dass der Termin mit der Eigentümerin im Wanken ist. Da stürzte etwas in mir ein. Ich bekam Angst, vielleicht wird das mit diesem Haus auch nichts (wir sind schon ein bisschen auf Suche) und dann zieht sich alles noch mehr in die Länge.... Und dann mache ich mir Sorgen, weil mein Mann nach diesem anstrengenden Jahr ziemlich erledigt ist und er mir vorkommt wie ein Marathonläufer, der nach einem langen Lauf nun auch noch den Montblanc besteigen muss und ich habe Angst, dass seine Gesundheit zu sehr leidet. Und da sagte ich zu ihm: "Am liebsten würde ich mir jetzt eine Flasche Wein reinziehen." Er sprang ohne zu zögern in den Keller und holte einen guten Rotwein. Mir kam dann Shiv Sharan Kaur aus der Kinderyogalehrerin-Ausbildung in den Sinn, die meinte, es ist spannend, wenn Du in Situationen, wo Du immer zu einem Ersatz (z.B. Schokolade, Wein, Zigarette) greifst, es mal nicht tust und schaust, was passiert. Diesen Satz drehte ich einfach um: Was ist, wenn Du mal nicht mit langem tiefen Atem, Mantra oder Yogaübung reagierst, sondern einfach ein Glas Wein trinkst?
Ich trank ein halbes Glas, fühlte mich gut und schrieb diesen langen blog....
Sat Nam
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